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Was muss eigentlich wirklich nachgeholt werden?

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Warum ein Haken wenig darüber sagt, was ein Kind kann

In den letzten Wochen beschäftige ich mich immer wieder mit dem Wort „nachholen“.

In Schule benutzen wir es ziemlich selbstverständlich. Eine Aufgabe ist noch offen. Ein Kapitel wurde nicht beendet. In einer Übersicht fehlt irgendwo ein Haken.

Also muss das noch nachgeholt werden.

Ich verstehe diese Logik gut. Ich arbeite selbst mit Übersichten und finde es hilfreich zu wissen, womit ein Kind schon gearbeitet hat und was noch offen ist. Sonst verliert man irgendwann den Überblick.

Ich frage mich nur zunehmend, was wir aus diesem „offen“ eigentlich ableiten können.

Denn vielleicht wissen wir damit weniger über das Lernen eines Kindes, als wir denken.

Bearbeitet ist erst einmal bearbeitet

Nehmen wir den umgekehrten Fall.

Ein Thema wurde behandelt. Die Aufgaben sind erledigt. Vielleicht gab es sogar einen Test dazu. In der Übersicht steht ein Haken.

Heißt das, dass die Sache gelernt ist?

Manchmal sicherlich.

Manchmal eben auch nicht.

Aus der Lernpsychologie kennen wir die Unterscheidung zwischen dem, was jemand in einer konkreten Situation zeigen kann, und dem, was längerfristig tatsächlich verfügbar bleibt. Gute Leistung während einer Übungsphase ist nicht automatisch ein verlässlicher Beleg dafür, was Wochen später noch abgerufen oder auf eine neue Situation übertragen werden kann. PubMed

Im Unterricht ist das eigentlich keine besonders überraschende Erkenntnis.

Direkt nach einer Erklärung funktionieren fünf Aufgaben vielleicht problemlos. Einige Zeit später merkt man, dass eine Grundlage doch noch wackelt.

Der Haken war deshalb nicht falsch.

Er hat nur etwas anderes dokumentiert: Die Aufgabe wurde bearbeitet.

Bei einem fehlenden Haken ist es ähnlich

Auch die andere Richtung lohnt sich.

Eine Aufgabe wurde nicht fertig. Eine Seite im Arbeitsheft fehlt. Eine Lerneinheit steht in einer Übersicht noch auf „offen“.

Daraus folgt zunächst einmal genau das: Sie wurde nicht vollständig bearbeitet.

Ob die Fähigkeit dahinter ebenfalls fehlt, ist eine andere Frage.

Ein Kind kann etwas später an einer anderen Stelle lernen. Kompetenzen tauchen schließlich nicht nur einmal im Schulleben auf. Wir greifen Inhalte wieder auf, wenden sie in anderen Zusammenhängen an, verbinden sie mit Neuem.

Das passt übrigens ziemlich gut zu der Logik, nach der auch die Bildungsstandards aufgebaut sind. Sie beschreiben Kompetenzen, die sich über längere Zeit entwickeln sollen. Die KMK spricht ausdrücklich von kumulativem und vernetztem Lernen. 

Ein Arbeitsblatt ist dafür ein möglicher Lernweg.

Es ist nicht die Kompetenz selbst.

Aber was ist mit Grundlagen?

An dieser Stelle wird es gerade in Mathematik schnell konkret.

Nehmen wir ein Kind, das an linearen Funktionen arbeitet. Dabei zeigt sich, dass das Arbeiten mit dem Koordinatensystem noch unsicher ist.

Dann hilft es wenig, einfach festzustellen, dass „Koordinatensysteme“ irgendwann schon einmal Thema waren.

Die Grundlage fehlt gerade. Also müssen wir sie wieder aufgreifen.

Vielleicht reicht eine kurze Wiederholung. Vielleicht braucht das Kind mehr Zeit und Übung damit.

Nur folgt daraus nicht automatisch, dass jetzt erst einmal alles vollständig abgearbeitet werden muss, was in einer älteren Übersicht noch offen steht.

Ich muss genauer hinschauen: Was macht das Arbeiten mit Funktionen gerade schwierig?

Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Für Unterricht ist er ziemlich folgenreich.

Denn die Frage lautet dann nicht mehr nur, welche Inhalte irgendwann einmal dran waren. Ich brauche Informationen darüber, was ein Kind jetzt verstanden hat und wo es beim Weiterlernen hängen bleibt.

Genau dafür ist diagnostisches und formatives Arbeiten gedacht. Rückmeldungen aus dem aktuellen Lernen helfen dabei zu entscheiden, ob etwas noch einmal erklärt werden sollte, ob zusätzliche Unterstützung nötig ist oder ob ein Kind weiterarbeiten kann.

Unsere Übersichten machen bestimmte Dinge sehr sichtbar

Vielleicht liegt ein Teil des Problems gar nicht im Unterricht selbst.
Eine Liste mit zwei Zuständen ist unglaublich praktisch:
offen
erledigt

Ich mag solche Listen.

Sie schaffen Ordnung. Man sieht sofort, wo man steht. Und sie sind deutlich einfacher zu führen als eine ständig aktuelle Beschreibung dessen, was ein Kind sicher kann, halb verstanden hat oder gerade wieder vergisst.

Nur haben solche Übersichten einen Nebeneffekt.

Was leicht sichtbar ist, bekommt schnell viel Aufmerksamkeit.

Dann schaut man auf fünf offene Einträge und sieht fünf Dinge, die noch erledigt werden müssen.

Dabei könnten sich dahinter völlig unterschiedliche Situationen verbergen.

Bei einer Sache fehlt tatsächlich eine wichtige Grundlage. Eine andere Fähigkeit zeigt das Kind inzwischen längst sicher. Und bei einem dritten Thema wäre gerade etwas ganz anderes viel wichtiger.

Ein identischer Bearbeitungsstatus sagt darüber erstaunlich wenig.

Was heißt „nachholen“ dann überhaupt?

Ich möchte den Begriff deshalb nicht komplett streichen.

Natürlich gibt es Dinge, die Kinder noch lernen oder wiederholen müssen. Es gibt Grundlagen, die später gebraucht werden. Und es wäre genauso problematisch, fehlendes Wissen einfach zu ignorieren.

Nur würde ich das nicht allein daran festmachen, ob eine alte Aufgabe erledigt wurde.

Für mich beginnt die Überlegung inzwischen eher beim aktuellen Lernen.

Was gelingt schon?

Wo wird es schwierig?

Und braucht das Kind genau diese Grundlage, um an der nächsten Stelle weiterzukommen?

Dann kann es sinnvoll sein zurückzugehen.

Dieses Zurückgehen ist auch nichts Negatives. Bereits Gelerntes wieder abzurufen und erneut anzuwenden, gehört zu nachhaltigem Lernen dazu. Gerade das wiederholte Abrufen kann langfristiges Behalten und die flexible Anwendung von Wissen verbessern. PubMed

Manchmal führt der nächste Schritt also tatsächlich zurück zu etwas Früherem.

Nur eben aus einem Grund.

Nicht, weil irgendwo noch ein Kästchen leer ist.

Das ist kein Spezialproblem selbstorganisierten Lernens

In offenen oder selbstorganisierten Lernformen fällt diese Frage wahrscheinlich schneller auf. Kinder arbeiten dort häufiger an unterschiedlichen Stellen. Offene Aufgaben und unterschiedliche Lernstände werden dadurch sichtbarer.
Das Grundproblem gibt es aber auch im klassischen Fachunterricht.
Ein Schulbuchkapitel kann vollständig bearbeitet sein, ohne dass alle es sicher verstanden haben.
Eine Unterrichtsreihe kann beendet sein, obwohl einzelne Kinder an einer wichtigen Stelle noch Unterstützung brauchen.
Und ein Kind kann eine Übungsseite verpasst haben und das betreffende Wissen später trotzdem sicher anwenden.
Der Gleichschritt löst diese Frage nicht. Er verdeckt sie manchmal nur besser.

Ich werde weiterhin Haken setzen

Ich brauche sie sogar.

Ich möchte wissen, womit Kinder gearbeitet haben. Ich will sehen können, was noch offen ist. Solche Informationen helfen bei Planung und Orientierung.

Ich möchte den Haken nur nicht mehr mit dem Lernen selbst verwechseln.

Wenn irgendwo etwas offen steht, ist das für mich ein Grund hinzuschauen. Nicht automatisch ein Arbeitsauftrag für die Vergangenheit.

Und wenn etwas als erledigt markiert ist, darf ich ebenfalls noch einmal hinschauen.

Ein Haken kann ziemlich zuverlässig sagen, ob etwas bearbeitet wurde.

Was ein Kind gelernt hat, muss ich anders herausfinden.

Jonas

Gymnasiallehrer an einer IGS, Interesse an digitaler Unterrichtsentwicklung & Mathematikdidaktik. Vater und Hobby-Läufer