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Mehr Struktur, ohne individuelles Lernen aufzugeben

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Als wir das LeoLab geplant haben, war eine Idee für uns ziemlich zentral: Kinder lernen unterschiedlich.

Eigentlich eine banale Feststellung.

Trotzdem baut Schule erstaunlich häufig darauf auf, dass Kinder gleichen Alters zur gleichen Zeit dasselbe lernen sollen.

Im LeoLab wollten wir das anders machen. Kinder sollten an unterschiedlichen Stellen arbeiten können. Sie sollten Verantwortung für ihr Lernen übernehmen. Und Lernbegleiter:innen sollten stärker schauen können: Wo steht dieses Kind eigentlich gerade? Was braucht es als Nächstes?

An dieser Idee hat sich nichts geändert.

Aber nach zwei Jahren Praxis denke ich über manches anders als am Anfang.

Vor allem über Struktur.

Freiheit braucht Struktur

Individuelles Lernen sieht bei unterschiedlichen Kindern sehr unterschiedlich aus.

Einige Kinder können ziemlich genau sagen, woran sie arbeiten wollen oder müssen. Sie organisieren sich, holen sich Unterstützung und kommen selbstständig weiter.

Andere brauchen dabei deutlich mehr Begleitung.

Das ist erstmal keine besonders überraschende Erkenntnis.

Spannender finde ich inzwischen die Konsequenz daraus.

Denn wenn selbstständiges Lernen etwas ist, das Kinder erst lernen müssen, kann Selbstständigkeit nicht die Voraussetzung für individuelles Lernen sein.

Wir müssen also beides gleichzeitig hinbekommen: Kindern Verantwortung geben und ihnen die Struktur geben, die sie brauchen, um mit dieser Verantwortung umgehen zu können.

Ich glaube, dass wir diesen zweiten Teil am Anfang unterschätzt haben.

Nicht völlig. Natürlich gab es auch damals feste Strukturen, Lernbegleitung, gemeinsame Zeiten und Unterstützung.

Aber heute würde ich stärker sagen:

Gutes individuelles Lernen braucht nicht möglichst wenig Struktur. Es braucht die richtige Struktur.

Und die kann für unterschiedliche Kinder unterschiedlich aussehen.

Mehr gemeinsames fachliches Lernen

Eine Konsequenz daraus sind bei uns in diesem Schuljahr die Focus Labs.

Alle Schüler:innen haben jede Woche feste Focus Labs in Mathematik, Deutsch und Englisch.

Dort wird gemeinsam gearbeitet. Fachlehrkräfte führen in Themen ein, erklären, wiederholen, besprechen Lösungswege oder arbeiten mit den Kindern an gemeinsamen Aufgaben.

Das ist für uns durchaus eine Veränderung.

Und ich finde sie inzwischen ziemlich folgerichtig.

Denn individuelles Lernen und gemeinsames Lernen sind gar keine Gegensätze.

Ein Kind kann an einer eigenen Lerneinheit arbeiten und trotzdem davon profitieren, regelmäßig gemeinsam mit anderen über Mathematik nachzudenken.

Es kann selbstständig an einem Text arbeiten und an anderer Stelle eine gemeinsame Einführung brauchen.

Es kann in Englisch an einem anderen Punkt stehen als die Person am Nachbartisch und trotzdem von einem gemeinsamen sprachlichen Input profitieren.

Individuelles Lernen muss nicht bedeuten, dass alle immer etwas Unterschiedliches machen.

Vielleicht haben wir das manchmal zu sehr miteinander verbunden.

Gemeinsam lernen und trotzdem Unterschiede sehen

Für mich haben die Focus Labs noch einen zweiten wichtigen Effekt.

Fachlehrkräfte erleben die Kinder regelmäßig beim fachlichen Arbeiten.

Nicht nur das Ergebnis.

Auch den Weg dorthin.

Wie geht ein Kind an eine Aufgabe heran? Welche Strategie benutzt es? Wo wird es unsicher? Was klappt plötzlich doch ziemlich gut?

Gerade beim individuellen Lernen ist dieser Blick wichtig.

Denn Lernstände sind selten so ordentlich, wie wir sie gerne dokumentieren würden.

Ein Kind kann ein Thema vor zwei Jahren bearbeitet haben und heute trotzdem unsicher darin sein.

Ein anderes hat irgendwo noch etwas „offen“ und kann die entsprechende Fähigkeit inzwischen trotzdem anwenden.

Und dann gibt es natürlich tatsächlich Grundlagen, die fehlen und die später wieder wichtig werden.

Das lässt sich nicht vollständig aus einer Tabelle ablesen.

Man muss Kinder beim Lernen erleben.

Was machen wir mit Lücken?

Diese Frage beschäftigt mich gerade besonders.

Nehmen wir ein Kind, das an einem aktuellen mathematischen Thema arbeitet. Dabei wird sichtbar, dass eine wichtige Grundlage aus einem früheren Jahr noch unsicher ist.

Was passiert dann?

Eine mögliche Antwort wäre: zurückgehen und erstmal alles nachholen, was irgendwann offen geblieben ist.

Ich glaube inzwischen, dass diese Antwort zu einfach ist.

Gerade Mathematik funktioniert an vielen Stellen spiralförmig. Inhalte tauchen wieder auf, werden erweitert und miteinander verbunden.

Wenn ein Kind bei Funktionen Schwierigkeiten mit dem Koordinatensystem hat, ist deshalb erstmal genau das interessant.

Das Koordinatensystem.

Nicht automatisch alles, was irgendwann davor noch nicht abgeschlossen wurde.

Vielleicht reichen zehn Minuten Wiederholung.

Vielleicht braucht es ein paar Übungsphasen.

Vielleicht muss eine frühere Lerneinheit tatsächlich noch einmal gründlicher bearbeitet werden.

Und vielleicht wäre es manchmal sogar sinnvoll, für eine gewisse Zeit gemeinsam mit einer anderen Lerngruppe genau an dieser Grundlage zu arbeiten.

Mich interessiert daran zunehmend weniger die Frage:

Was müsste dieses Kind laut Plan eigentlich schon können?

Sondern:

Was braucht dieses Kind jetzt für seinen nächsten Schritt?

Das klingt ähnlich.

Ist für mich aber ein ziemlich großer Unterschied.

Jahrgang ist eine Information, kein Lernstand

Daran hängt noch eine zweite Frage, über die wir gerade nachdenken.

Wie stark sollte eigentlich das Alter oder der Jahrgang bestimmen, in welcher Lerngruppe ein Kind fachlich arbeitet?

Natürlich ist die eigene Altersgruppe ein sinnvoller Ausgangspunkt. Es wäre ziemlich absurd, für jedes Kind jeden Morgen den kompletten Schultag neu zusammenzupuzzeln.

Gemeinsame Strukturen haben einen Wert.

Aber aus „Du bist in Jahrgang 7“ folgt eben nicht automatisch „Du brauchst in Mathematik, Deutsch und Englisch gerade genau das, was alle anderen Siebtklässler:innen brauchen“.

Deshalb finde ich den Gedanken reizvoll, die eigene Phase eher als Orientierung zu verstehen als als starre fachliche Grenze.

Ein gemeinsamer Ausgangspunkt.

Mit der Möglichkeit, davon abzuweichen, wenn es fachlich sinnvoll ist.

Wie weit das praktisch funktionieren kann, müssen wir selbst noch herausfinden.

Aber die dahinterliegende Frage finde ich unabhängig vom LeoLab spannend:

Wie viel gemeinsame Struktur brauchen wir und an welchen Stellen muss sie durchlässig sein?

Der nächste Schritt statt des perfekten Plans

Eine weitere Sache sehe ich inzwischen etwas skeptischer: den Wunsch, Lernen möglichst vollständig vorauszuplanen.

Wenn wir genau genug diagnostizieren, so die Hoffnung, können wir anschließend einen ziemlich genauen individuellen Lernweg festlegen.

Ich bin mir nicht sicher, ob Lernen so funktioniert.

Natürlich brauchen wir Diagnostik. Natürlich müssen Lehrkräfte wissen, wo Kinder stehen.

Aber vieles wird erst beim Lernen sichtbar.

Ein Kind überrascht uns.

Eine vermeintliche Lücke ist schnell geschlossen.

Etwas, das sicher schien, ist es doch nicht.

Ein Thema weckt plötzlich Interesse.

Eine Aufgabe funktioniert überhaupt nicht.

Vielleicht müssen wir deshalb gar nicht immer den perfekten individuellen Plan für die nächsten Monate kennen.

Vielleicht reicht es häufiger, den nächsten sinnvollen Schritt ziemlich gut zu kennen.

Und danach wieder hinzuschauen.

Genau deshalb braucht es Lernbegleitung

Das macht individuelles Lernen allerdings nicht einfacher.

Im Gegenteil.

In Mathematik fällt etwas auf.

In Englisch wäre etwas anderes wichtig.

In Deutsch gibt es ebenfalls einen sinnvollen nächsten Schritt.

Und dann gibt es noch Projekte, Interessen und all die Dinge außerhalb dieser drei Fächer.

Ein Kind kann nicht alles gleichzeitig priorisieren.

Genau an dieser Stelle wird Lernbegleitung für mich zentral.

Nicht als Kontrolle darüber, ob Aufgaben erledigt wurden.

Sondern als gemeinsames Sortieren.

Was ist gerade wichtig?

Was nehme ich mir vor?

Was kann warten?

Was ist realistisch?

Wo brauche ich Unterstützung?

Fachliche Rückmeldungen sind dafür wichtig. Aber irgendjemand muss gemeinsam mit dem Kind das Ganze im Blick behalten.

Sonst kann aus einem sehr individuellen Lernangebot ziemlich schnell eine sehr individuelle Überforderung werden.

Selbstorganisation heißt nicht: Mach mal

Vielleicht ist das für mich überhaupt eine der wichtigsten Erkenntnisse aus den ersten Jahren LeoLab.

Wir wollten Kindern mehr Verantwortung für ihr Lernen geben.

Das wollen wir noch immer.

Aber Verantwortung zu geben bedeutet nicht, Verantwortung einfach abzugeben.

Selbstorganisation entsteht nicht dadurch, dass Erwachsene sich möglichst weit zurückziehen.

Manche Kinder brauchen sehr konkrete Unterstützung.

Andere brauchen jemanden, der gelegentlich nachfragt.

Und wieder andere organisieren große Teile ihres Lernens schon ziemlich selbstständig.

Auch das ist Individualisierung.

Vielleicht sogar eine wichtigere Form, als jedem Kind zu jedem Zeitpunkt eine andere Aufgabe zu geben.

Die Frage ist dann nicht nur:

Was lernt dieses Kind gerade?

Sondern auch:

Wie viel Unterstützung braucht es gerade, um sein Lernen zunehmend selbst in die Hand nehmen zu können?

Und diese Unterstützung darf sich verändern.

Das Ziel ist schließlich nicht, dass Kinder möglichst früh alles alleine machen.

Das Ziel ist, dass sie immer mehr selbst können.

Struktur und Freiheit sind vielleicht gar keine Gegensätze

Als wir 2023 angefangen haben, das LeoLab zu planen, wollten wir bewusst nicht die bestehende Schule einfach in klein nachbauen.

Wir wollten individuelles Lernen, Selbstständigkeit und mehr Verantwortung bei den Schüler:innen.

Daran glaube ich weiterhin.

Vielleicht sogar mehr als damals.

Aber mein Verständnis davon hat sich verändert.

Am Anfang hätte ich wahrscheinlich stärker darauf geschaut, wie viele Freiräume wir schaffen können.

Heute interessiert mich genauso, welche Strukturen diese Freiräume brauchen.

Ein gemeinsames Focus Lab kann Orientierung geben.

Dabei kann sichtbar werden, dass ein Kind an einer anderen Stelle Unterstützung braucht.

In einer individuellen Lernzeit kann es genau daran arbeiten.

Im Coaching kann sortiert werden, was gerade Priorität hat.

Und danach arbeitet dasselbe Kind vielleicht mehrere Stunden ziemlich selbstständig an einem eigenen Projekt.

Das widerspricht sich nicht.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung.

Nicht möglichst viel Freiheit.

Nicht möglichst viel Struktur.

Sondern immer wieder herauszufinden, welche Struktur Freiheit möglich macht.

Ob uns diese Balance gelingt?

Keine Ahnung.

An einigen Stellen funktioniert sie schon ziemlich gut. An anderen probieren wir aus. Und manches werde ich in einem Jahr vermutlich wieder anders sehen als heute.

Aber genau das finde ich nach inzwischen mehr als zwei Jahren LeoLab eigentlich ganz passend.

Es bleibt ein Labor.

Jonas

Gymnasiallehrer an einer IGS, Interesse an digitaler Unterrichtsentwicklung & Mathematikdidaktik. Vater und Hobby-Läufer