Das Letzte, was die Kinder jetzt brauchen, sind Prüfungen!

Das Letzte, was die Kinder jetzt brauchen, sind Prüfungen!

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Stell dir vor, es ist Pandemie, du warst fast ein halbes Jahr nicht in der Schule, und das erste, was du in der Schule siehst, ist eine Prüfung...

Zugegeben, das ist vermutlich etwas überspitzt formuliert, drückt aber die „Richtung“ aus, die an so mancher Stelle nun diskutiert wird. Die Schüler*innen, die nun zum Teil ein halbes Jahr im Distanzunterricht waren, kehren mehr und mehr in die Schulen zurück. Meist im Wechselmodell. Und an vielen Stellen wird nun öffentlich oder weniger öffentlich diskutiert: Sollten nun nicht erst mal Prüfungen geschrieben werden? Es muss ja schließlich überprüft werden, was die Schüler*innen in den letzten Monaten gelernt haben! Und überhaupt, sie müssen doch Noten bekommen! Wie sollen sonst die Noten zustande kommen?

Ich habe in meiner Klasse zu Beginn des Präsenzunterrichtes nachgefragt: Wovor habt ihr Sorgen?

Und die Antworten haben mich verblüfft…

Mit einigen Dingen hatte ich gerechnet. Damit, dass die Schüler*innen zum Beispiel Angst vor Ansteckung haben oder Angst haben, ihre Familien anzustecken. Auch, dass Sie Probleme damit haben, nun wieder früher aufzustehen habe ich kommen sehen.

Dass die überwältigende Mehrheit aber Sorgen vor „Stress“, „Test(s)“, „Hausaufgaben“, „schlechten Noten“ hat – und das viel häufiger genannt wurde als all die anderen Dinge, gibt mir wirklich zu denken!

Das Schulsystem lässt sich scheinbar auch von einer Pandemie nicht erschüttern...

Und das Schulsystem setzt auf Bewertung, Bewertung, Bewertung, …! Es müssen mindestens xy Klassenarbeiten geschrieben werden. Es müssen mindestens xy mündliche Noten gegeben werden. Es muss in Kurse eingeteilt werden.

Dieses System wurde durch die Pandemie massiv beeinträchtigt. Auf einmal konnten Prüfungen (häufig) nicht mehr geschrieben werden. Auf einmal konnten „mündliche Noten“ nicht mehr basierend auf den bisherigen Maßstäben verteilt werden. Aber trotzdem müssen häufig in den nächsten Tagen und Wochen Zwischennoten eingetragen werden.

Aber jetzt ja wieder in der Schule - also alles gut?!

Und so scheint manch eine Lehrerin oder ein Lehrer zu denken: Gut, dass die Schüler*innen wieder in der Schule sind! Dann erst mal schnell eine Prüfung schreiben lassen! So manche Fachbereichsleitung oder Schulleitung fordert, dass nun schnell Prüfungen geschrieben werden sollten, damit die Noten sicherer gegeben werden können.

Ich muss dazu sagen: An meiner Schule ist das anders! Gut so!

Ist das wirklich unser größtes Problem?

Aber ist mangelnde „Notenbasis“ wirklich unser größtes Problem? 

Häusliche Gewalt ist in der Corona-Zeit in vielen Familien ein Thema! (rnd.de | 07.01.2021), der Distanzunterricht der vergangenen Zeit hat besonders leistungsschwächere und sozial benachteiligte Kinder benachteiligt. (swr.de | 22.01.2021) und Kinder und Jugendliche werden durch die Coronakrise genau wie Erwachsene psychisch belastet! Gerade das Aufbauen stabiler Peerbeziehungen, Freundschaften knüpfen und mit Gleichaltrigen interagieren ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe für Kinder und Jugendliche. Genau das ist in der Coronakrise aber nur sehr eingeschränkt möglich! (bmbf.de | 25.05.2021)

Kurz gesagt: Wie gut Kinder in den vergangenen Wochen und Monaten lernen konnten, hängt maßgeblich von dem eigenen sozialen Hintergrund ab, manche Kinder haben in ihrer Familie häusliche Gewalt erfahren oder mit ansehen müssen und das, was Kind sein und Jugendlicher sein ausmacht, nämlich Freunde treffen und mit Gleichaltrigen Zeit verbringen war kaum möglich.

Zeit, Verständnis, Gemeinschaft, Gespräche und Spaß!

Und genau hier müsste man nun meiner Meinung nach ansetzen!

Was die Schüler*innen, die nun in die Schulen zurückkehren, brauchen, ist Zeit: Zeit, um sich wieder an den geregelten Tagesablauf zu gewöhnen. Zeit, um sich wieder daran zu gewöhnen, mit vielen anderen Mitschüler*innen in einem Raum zu sitzen und dort Unterricht zu machen. Zeit, um die eigenen Lehrer*innen und Mitschüler*innen wieder einzuschätzen!

Was die Schüler*innen brauchen ist Verständnis: Verständnis für die Sorgen, die sie haben. Verständnis für Dinge, die sie in den letzten Monaten aufgrund ihrer familiären Situation nicht geschafft haben. Verständnis für Zurückhaltung, wenn sie jetzt wieder mit so vielen Menschen in einem Raum sitzen. Verständnis dafür, dass es ihnen schwer fällt, sich wieder auf die Schule einzulassen.

Was die Schüler*innen brauchen, ist Gemeinschaft: Nach langer Zeit ohne die ganze Klasse braucht es Gelegenheiten, wieder mehr Gemeinschaft zu verspüren! Die Gruppe muss wieder zusammenwachsen. Dazu braucht es wieder: Zeit! Zeit für Austausch, Gespräche, kooperative Arbeitsformen!

Was die Schüler*innen jetzt brauchen, sind Gespräche: Gespräche über das, was in den letzten Monaten passiert ist, was jetzt gerade in den Köpfen der Schüler*innen los ist und wie es für alle weiter geht! Und dabei wieder: Zeit! Denn nicht jeder möchte reden. Manch eine*r möchte nur zuhören!

Was die Schüler*innen jetzt brauchen, ist ganz viel Spaß! Denn der kam für viele in den vergangenen Wochen und Monaten zu kurz! Dabei ist Spaß wichtig für den Lernerfolg!

Und für Zeit, Verständnis, Gemeinschaft, Gespräche und Spaß sind Prüfungen eher nicht bekannt!

Also versuchen wir wenigstens, den Start der Schüler*innen möglichst stressfrei zu gestalten!

Also lassen wir doch die Prüfungen (so gut es das System eben zulässt), doch einfach mal weg! Verschieben sie so gut es geht nach hinten, achten darauf, dass der Stress unserer Schüler*innen möglichst moderat bleibt, ersetzen (sofern möglich) Klassenarbeiten durch Ersatzleistungen und ermöglichen unseren Schüler*innen erst mal wieder anzukommen. Mit Zeit, Verständnis, Gemeinschaft, Gesprächen und ganz viel Spaß!

Die Prüfungen laufen uns nicht weg. Versprochen!

Jonas

Gymnasiallehrer an einer IGS, Interesse an digitaler Unterrichtsentwicklung & Mathematikdidaktik. Vater und Hobby-Läufer